Paratuberkulose bei Schafen und Ziegen in Westfalen-Lippe und NRW

Die Paratuberkulose des Rindes führt in infizierten Betrieben nachweislich durch Milchverluste, geringere Schlachterlöse, vorzeitige Abgänge sowie steigende Tierarztkosten zu hohen wirtschaftlichen Einbußen und wird als eine der möglichen Ursachen für die Erkrankung „Morbus Crohn" des Menschen angesehen.

Da viele Rinder subklinisch infiziert sind, ist die Infektion in Milchviehbetrieben in der Regel klinisch nur bei Einzeltieren durch schubweise auftretenden, therapieresistenten, wässrig-schaumigen Durchfall bei ungestörter Futteraufnahme gekennzeichnet. Diese Tiere bilden die „Spitze des Eisberges" und erkranken infolge der langen Inkubationszeit typischerweise meist erst im Alter von 5-7 Jahren.

Im Rahmen der aktuellen Berichterstattung über die Epidemiologie der Paratuberkulose des Rindes wird in letzter Zeit auch die Frage diskutiert, dass das Nachweiden von Flächen in Rinder-haltenden Betrieben durch kleine Wiederkäuer möglicherweise ein gewisses Risikopotential im Hinblick auf eine wechselseitige Erregerübertragung darstellen könnte. Der Erreger, Mycobacterium paratuberculosis, zeigt im Boden, z. B. auf kontaminierten Weiden, eine Überlebensdauer von bis zu 12 Monaten. Das stäbchenförmige, unbewegliche, strikt aerobe Bakterium wird von betroffenen Tieren über Kot, Harn und Milch ausgeschieden. Da der Keim relativ hitzeresistent ist, überlebt er eventuell auch die Pasteurisierung der Milch von 71° C über 15 Sekunden.

Bei regional begrenzten, serologischen Übersichtsuntersuchungen zur Verbreitung der Paratuberkulose (sog. Prävalenz) in deutschen Ziegenbeständen erwiesen sich nach Literaturangaben 2,6 % der Ziegenseren als serologisch positiv, wobei innerhalb der Herden die Prävalenz zwischen 2,0% und 7,1% streute. Für die Niederlande gehen Schätzungen für gewerbsmäßige Ziegenhaltungen sogar von einer Herdenprävalenz von 90% aus.

Nach Literaturangaben soll eine Infektion von Schaflämmern mit vom Rind isolierten Mykobakterien möglich sein. Andererseits zeigen Infektionsversuche aus dem Jahre 1990, dass spezifische Ziegenisolate (es bestehen offenbar molekularbiologische Unterschiede bei den Rinder-, Schaf- und Ziegenisolaten) für Rinder nicht pathogen sind.

Der Schaf- und Ziegengesundheitsdienst der vormaligen Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe entnahm im Jahr 2000 1.531 Blutproben von Schafen und Ziegen gleichmäßig über Westfalen-Lippe verteilt; die Proben wurden durch das Staatliche Veterinäruntersuchungsamt Arnsberg mittels eines ELISA-Testes auf Paratuberkulose-Antikörper untersucht.

Die Resultate können der nachstehenden Tabelle entnommen werden:

Paratuberkulose

Die Auswertungen zeigen, dass in Übereinstimmung mit den Literaturangaben auch in den hiesigen Beständen von einer Seroprävalenz von 3,1% bei Schafen und 3,8% bei Ziegen ausgegangen werden kann. Allerdings liegt die Herdenprävalenz bei den Schafen mit 36% deutlich höher als bei den Ziegen mit 27,8 %.

Für das Rind ergab sich bei einer Übersichtsuntersuchung in NRW im Rahmen einer Dissertation eine vergleichbare Prävalenz von 3,2%, wobei 5.370 Tiere in 45 Betrieben erfasst wurden.

Durch Rückfragen bei den Tierbesitzern der kl. Wiederkäuer in Westfalen-Lippe konnten nachstehende Angaben zur Altersstruktur und zum Gesundheitsstatus der Reagenten ermittelt werden:

Paratuberkulose

Die o. a. Grafik basiert auf exakten Altersangaben, die für 30 Schafe und 11 Ziegen dem Herdbuch entnommen wurden.

Nur bei den Ziegen war der sehr schlechte Nähr- und Pflegezustand auffallend, allerdings litt die Mehrzahl der Ziegen (9 von 11 Reagenten stammten aus einem 67 Ziegen umfassenden Bestand !) gleichzeitig an Pseudotuberkulose und CAE und war zudem mit Innen- und Außenparasiten sehr stark belastet. Durchfall als mögliches Leitsymptom konnte bei keinem Tier beobachtet werden. Alle Schafreagenten zeigen (auch rückblickend) demgegenüber keinerlei klinische Erscheinungen; das Herdenmanagement in diesen Betrieben lässt sich als überdurchschnittlich einstufen.

Es ist bekannt, dass bei den Paratuberkulose-Reagenten der kleinen Wiederkäuer im Gegensatz zum Rind Durchfall als Leitsymptom nur sehr selten beschrieben. Dies ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass beim Rind in erster Linie Dünn- und Hüftdarm (mit in typischen Fällen bei der Sektion sichtbarem, hirnwindungsartigen Veränderungen der Schleimhaut) erkranken, während bei Schafen und Ziegen meist eine chronische Dünndarmentzündung vorliegt. Die Erreger-bedingte Beeinträchtigung der Futterverwertung bzw. -aufnahme soll allenfalls – und hier offenbar häufiger bei der Ziege als beim Schaf – zu einer deutlichen Verschlechterung des Nährzustandes insbesondere unter besonderen Stresssituationen, wie Geburt und/oder bei gleichzeitigem starkem Befall mit Innenparasiten führen. Die eigenen Untersuchungen betätigen diese Hypothese.

Aus den vorgenannten Gründen wurde auch das Angebot an einige Tierhalter zur kostenlosen mikrobiologischen Untersuchung von Kotproben zum Zwecke des Erregernachweises nicht angenommen. Erfahrungen mit der Diagnostik der Paratuberkulose beim Rind zeigen aber auch, dass der Erreger (wenn überhaupt) von subklinisch infizierten Tieren in deutlich geringeren Mengen als in der klinischen Phase ausgeschieden wird. Zudem ist der direkte Nachweis über die kulturelle Untersuchung schwierig und beansprucht mehrere Wochen. Durch den alleinigen Nachweis über das kulturelle Verfahren wurden in Rinderbeständen lediglich 19,6 % der infizierten Rinder als Paratuberkulose-positiv definiert.

Hinsichtlich einer möglicherweise bestehenden Humanpathogenität bzw. im Hinblick auf den vorbeugenden Verbraucherschutz (Verzehr von Frischmilch bzw. Käseproduktion) darf nicht unerwähnt bleiben, dass unter den 14 erfassten Milchschafbetrieben mit insgesamt 237 Tieren in nur 5 Beständen 6 klinisch unverdächtige Reagenten serologisch festgestellt werden konnten.

Zusammenfassend kann festgestellt werden:

  • In Westfalen-Lippe beträgt die Paratuberkulose-Seroprävalenz bei Schafen und Ziegen 3,1% bzw. 3,8 % und entspricht in etwa dem Prozentsatz, der für Rinder in NRW ermittelt wurde. Etwa in jedem dritten Bestand ist mit Reagenten zu rechnen.
     
  • Bei den serologisch positiven Schafen konnten keine klinischen Erscheinungen oder Leistungseinbußen festgestellt werden. Alle durch ihren schlechten Nährzustand auffallende, infizierte Ziegen stammen aus einem Bestand, d.h. das Zusammenwirken mehrerer negativer Einflussfaktoren dominiert offenbar beim kleinen Wiederkäuer maßgeblich das klinische Bild der Paratuberkulose (negative Beeinträchtigung des Immunsystems).
     
  • Durch kulturelle Kotuntersuchungen und ggfls. Milchuntersuchungen bei allen Reagenten könnte eine potentielle Infektionsgefahr für den Menschen bzw. andere Tierarten relativiert werden, wobei nach Erfahrungen beim Rind subklinisch infizierte Tiere ein deutlich geringeres Risikopotential darstellen.