Schmallenbergvirus - Stand Mai 2018

Das Schmallenbergvirus kommt in Deutschland seit 2011 vor. Infektionen von Wiederkäuern mit SBV verlaufen in der Regel nur mit milden klinischen Anzeichen, zuweilen wird Fieber in Verbindung mit starkem Milchleistungseinbruch beobachtet. Hauptrisiko ist die Infektion von tragenden Tieren, hier kann es bei einer Infektion im ersten Drittel der Trächtigkeit zur Geburt von Kälbern oder Schafen mit Missbildungen an den Gliedmaßen und der Wirbelsäule kommen (Abbildung 1). Eine Infektion gegen Ende der Trächtigkeit kann zu schwerer Hirn(haut)entzündung führen, in deren Folge bei den Neugeborenen irreversible Hirnschäden in Form von Fehlanpassungen an die Umwelt mit Trinkschwäche und Abweichungen im Bewegungsablauf vorkommen können. Betroffene Jungtiere gehen in den ersten Tagen ein oder müssen eingeschläfert werden.

Schmallenbergvirus: Infektionszeitpunkt und Auswirkungen
Abbildung 1: Der Zeitpunkt der Infektion innerhalb der Trächtigkeit ist entscheidend für die Entwicklung von Missbildungen bei Schaf und Rind. (Quelle: Prof. Dr. Martin Beer, Friedrich-Loeffler-Institut, 2012)

Übertragung durch Gnitzen im Spätsommer und Herbst

Mit steigenden Temperaturen nimmt die Aktivität von Mücken, Gnitzen und anderen blutsaugenden Insekten zu und damit auch die Gefahr der Übertragung von Krankheiten wie dem Schmallenberg-Virus (SBV) oder dem Virus der Blauzungenkrankheit (BTV). Beiden Krankheiten werden fast ausschließlich über blutsaugende Gnitzen von Tier zu Tier übertragen. Die in Europa vorkommenden Gnitzen sind 1 - 3mm groß. Allerdings sind nur wenige Arten in der Lage, krankmachende Viren zu verbreiten. Die Übertragung der Infektionen erfolgt durch weibliche Gnitzen, die vor der Eiablage Blut saugen. Dabei werden die Viren über den Speichel auf das Rind oder andere Wiederkäuer weitergegeben. Die Flugzeit der Gnitzen beginnt im zeitigen Frühjahr und endet im Winter, wobei die Aktivität stark von der Außentemperatur abhängt. Die Hauptübertragungszeit von SBV ist der Hochsommer, da zu diesem Zeitpunkt die Außentemperaturen den Viren für die Vermehrung in den Gnitzen optimale Bedingungen bieten. Zur Überwachung der Gnitzenpopulation und der Feststellung von Viruskrankheiten betreibt der Tiergesundheitsdienst, in Kooperation mit den Entomologen (Insektenkundlern) des Friedrich-Loeffler-Instituts, Gnitzenfallen auf landwirtschaftlichen Betrieben, die von Juni - Oktober einmal pro Woche fängisch gestellt werden. Die Fänge aus diesen Fallen werden differenziert und auf relevante virale Infektionskrankheiten untersucht.

Untersuchungen in der Milchviehherde von Haus Riswick:

Das Schmallenberg-Virus ist seit dem ersten Nachweis im Jahre 2011 nicht mehr aus Deutschland verschwunden. So gab es in der Vergangenheit in jedem Jahr sporadische Nachweise in Betrieben mit Fruchtbarkeitsproblemen oder bei der Untersuchung von Exportrindern. Ein seuchenhaftes Auftreten des Schmallenberg-Virus wie im Jahre 2011 wurde aber durch die hohe Zahl von natürlich geschützten Tieren verhindert.

Der Tiergesundheitsdienst führt seit 2011 jährlich serologische Untersuchungen in der laktierenden Herde im Versuchs und Bildungszentrum Landwirtschaft Haus Riswick durch. Dazu werden die BHV 1 Blutproben in einem zweiten Untersuchungsgang beim FLI auf Antikörper gegen SBV untersucht. So ist es z.B. möglich, die Haltbarkeit der Antikörper nach einer natürlichen Infektion (siehe Infokasten) und die Anzahl potentiell geschützter Kühe und ungeschützter Färsen zu ermitteln.

Haltbarkeit natürlicher Antikörper gegen SBV:

122 Kühe aus der Herde von Haus Riswick konnten über 4 Jahren nach der Erstinfektion begleitet werden. Bei über 95% der Kühe bleibt der Antikörperspiegel in diesem Zeitraum stabil.

Aus diesen Zahlen können dann Rückschlüssen auf die Aktivität des Virus in dieser Region gezogen werden. Aus diesen Untersuchungen ist bekannt, dass der Anteil von Kühen mit natürlichem Schutz gegen eine SBV-Infektion seit 2012 kontinuierlich abnimmt. Die Zunahme der Empfänglichkeit der Herden ist auf die stetige Remontierung älterer Kühe durch naive (ungeschützte) Färsen zu erklären. In Abbildung 2 sind die Untersuchungsergebnisse der letzten 5 Jahre für die laktierende Herde in Riswick dargestellt.

Anteil der laktierenden Kühe mit einem natürlichen Schutz gegen das Schmallenbergvirus
Abbildung 2: Anteil der laktierenden Kühe mit einem natürlichen Schutz gegen das Schmallenbergvirus (SBV-AK) im Verlauf der Jahre 2012 - 2016 (Wernicke,FLI/ Holsteg TGD NRW).

Im Winter 2015/16 ist der Anteil von Tieren ohne Antikörper gegen das Schmallenberg-Virus auf über 60% angestiegen. In Betrieben mit höherer Remontierung kann der Anteil ungeschützter Tiere auch noch deutlich darüber liegen

Färsen als Indikator für Virusaktivität:

Durch die Auswertung der Ergebnisse bei den Färsen in Riswick kann man auf die Aktivität des Schmallenberg-Virus in den 18 - 24 Monate vor der Blutentnahme zurückschließen. So ist in Jahren 2016 und 2017 bei den Färsen der Anteil an Tieren, die zum Zeitpunkt der ersten Blutuntersuchung schon Antikörpern gegen SBV ausgebildet haben, erstmalig wieder deutlich angestiegen.

Anteil der abgekalbten Färsen mit einem natürlichen Schutz gegen das Schmallenbergvirus
Abbildung 3: Anteil der abgekalbten Färsen mit einem natürlichen Schutz gegen das Schmallenbergvirus (SBV-AK) in den Jahren 2012 - 2017 in der Herde von Haus Riswick. Jedes Jahr wurden zwischen 79 und 112 Färsen neu in die Untersuchung aufgenommen. (Wernicke,FLI/ Holsteg TGD NRW).

Daraus kann gefolgert werden, dass bei der Geburt lebensschwacher Kälber - insbesondere bei Färsen - immer das Schmallenbergvirus als mögliche Ursache mit in Betracht gezogen werden muss. In dieser Produktionsgruppe wäre eine Impfung vor der Belegung eine probates Mittel, die Auswirkungen einer Infektion auf das ungeborene Kalb zu minimieren. Insbesondere bei Weidehaltung der tragenden Färsen sollte die Impfung in Betracht gezogen werden.

Maßnahmen zum Schutz gefährdeten Tiere:

Mit sinkender Zahl geschützter Rinder und Kühe in unserer Region steigt die Gefahr für einen erneuten Seuchenzug. Jungtiere ab dem Jahrgang 2012 sind zum überwiegenden Teil für das Schmallenberg-Virus voll empfänglich. Das Risiko für Aborte, Missbildungen und Fruchtresorption bei diesen Tieren ist insbesondere bei Infektionen in der Frühträchtigkeit hoch. Um Verluste zu verhindern gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Tiere gegen eine Infektion zu schützen. Den sichersten Schutz bietet eine Impfung gegen das Schmallenberg-Virus. In Europa sind verschiedene Impfstoffe gegen SBV zugelassen worden, aktuell (Mai 2018) ist der Impfstoff Zulvac-SBV der Firma Zoetis verfügbar. Eine Alternative, die aber weit weniger Wirkungsvoll bleibt, ist die Stallhaltung in den ersten 3 - 4 Monaten der Trächtigkeit oder die Abwehr von Gnitzen (und anderen Insekten) mit Repellentien. Diese Medikamente werden als sogenannte Fliegenohrmarken oder Aufgusspräparate angeboten und können über den Hoftierarzt bezogen werden. Die Behandlung mit Repellentien bietet aber keinen 100%igen Schutz und insbesondere die Aufgusspräparate verlieren witterungsabhängig bereits nach wenigen Wochen deutlich an Wirkung und sollten daher erst im Hochsommer zur Anwendung kommen.

Fazit:

Die Zahl natürlich geschützter Tiere in den Beständen nimmt immer weiter ab und lag 2017 bei unter 40%. Eine erneute Ausbreitung des Schmallenberg-Virus ist wahrscheinlich. Gefährdet sind die Geburtsjahrgänge ab 2012, insbesondere Färsen in den ersten 120 Tagen der Trächtigkeit haben ein hohes Risiko ihre Frucht zu resorbieren oder zu abortieren. Zum Schutz der Trächtigkeit sollten diese Tiere vor Weideaustrieb gegen SBV geimpft werden.

Das Schmallenbergvirus wird ein ständiger Begleiter unserer Rinderproduktion bleiben.

Autor: Dr. Mark Holsteg