Rinderzucht und Kreistierschauen im Kreis Olpe
Die Rinderhaltung ist im Kreis Olpe mit seinem Grünlandanteil von gut 85% für die landwirtschaftlichen Betriebe von zentraler Bedeutung, denn sie dient den meisten von ihnen – sowohl Haupt- als auch Nebenerwerbsbetrieben - als Existenzgrundlage. Dabei steht in den Haupterwerbsbetrieben überwiegend die Zucht hochleistender Milchviehrassen und in den Nebenerwerbsbetrieben vorzugsweise die Zucht und Haltung von Fleischrassen im Vordergrund.
Aufgrund alter Schriften kann man davon ausgehen, dass früher in Mitteleuropa ein einfarbig rotes Landvieh gezüchtet wurde, das nach dem Volksstamm, der dieses Vieh bei seinem Eindringen in Europa mit sich führte, auch Keltenvieh genannt wurde. Der alte Landschlag des Sauerlandes, das einfarbige rote Rind dürfte in engster Verwandtschaft zu diesem roten Keltenvieh stehen und in seiner Abstammung auf dieses zurück zu führen sein.

Rotviehbulle "Bellmann" aus dem Jahre 1902
Eine züchterische Bearbeitung dieses roten Viehes stand früher im Sauerland sicherlich nicht im Vordergrund, da die Landwirtschaft auf außerordentlich extensiver Grundlage stand. Die Nutzung des alten Landschlages bestand vornehmlich in der Verwendung als Arbeitsvieh und Düngerproduzent. Auf Milchleistung wurde wenig Gewicht gelegt. Da man in Ermangelung von Mineraldünger möglichst viel Stalldung produzieren wollte, wurde in den meisten Betrieben weit mehr Vieh gehalten als Futter vorhanden war. Von einer gezielten Züchtung allerdings konnte keine Rede sein. Der 1840 gegründete Landwirtschaftliche und Gewerbeverein im Kreis Olpe, der heutige Landwirtschaftliche Kreisverband, bemühte sich schließlich unter anderem durch Vorträge und Tierschauen um die Förderung der Rindviehzucht. In der Folge vollzogen sich allmählich erhebliche Umwandlungen in der Zucht und Haltung des Rindviehes im Kreis Olpe. Einen hohen Anteil an der Weiterentwicklung der Rinderzucht im Kreis hatte sicherlich durch ihre Schul- und Beratungstätigkeit die im Jahre 1880 gegründete landwirtschaftliche Winterschule in Elspe.
In den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, insbesondere nach dem Krieg 1870/71 folgte eine allmähliche Umstellung der Rindviehzucht auf die rotbunte Rasse. Im Jahre 1899 wurde zur Ausrichtung auf ein einheitliches Zuchtziel die Sauerländische Herdbuchgenossenschaft für den Kreis Olpe gegründet, die sich die Zucht und Veredelung zunächst des Roten Höhenviehs zur Aufgabe stellte, wegen der wachsenden Bedeutung der Rotbunten jedoch im Jahre 1902 auch eine zweite Abteilung Rotbunt einrichtete.

Rotbunte Hochleistungskuh von Jahnerbe 1943
Die Bevölkerungszunahme und der steigende Bedarf an Frischmilch in unserem dicht besiedelten Land in Verbindung mit der volks- und betriebswirtschaftlichen Forderung nach Leistungssteigerung der Rindviehbestände führte allmählich zu der immer stärkeren Ausbreitung des in der Milchleistung wesentlich besseren rotbunten Tieflandrindes. 1955 nahm das rote Höhenvieh noch etwa 30% des Rindviehbestandes im Kreis Olpe ein. Heute ist es gänzlich aus den Ställen der Olper Landwirte verschwunden und gehört zu den vom Aussterben bedrohten Haustierrassen. Die nachfolgende eindeutige Dominanz der Rotbunten dauerte etwa bis zur Jahrtausendwende. Durch die vermehrte Einkreuzung von nordamerikanischen Holsteins in den 80er und 90er Jahren wandelte sich das Bild in den Zuchtställen hin zu den schwarzbunten Holsteins, die heute sicherlich zumindest in den guten Zuchtbetrieben die Mehrheit übernommen haben.
Diese Entwicklung ging natürlich mit einem sich ändernden Zuchtziel einher. Im Gegensatz zu früher, als das Rind in erster Linie als Düngerproduzent und Zugtier und ergänzend als Milch- und Fleischlieferant Bedeutung hatte, wurde die Rotbuntzucht in erster Linie auf Milchleistung ausgerichtet, wobei bei dieser klassischen Zweinutzungsrasse auch erheblicher Wert auf eine gute Fleischleistung gelegt wurde. Diese tritt heute bei verstärkt einseitiger Ausrichtung des Zuchtziels auf die Milchleistung doch deutlich in den Hintergrund. Die Fleischproduktion ist heute Sache der spezialisierten Fleischrinderrassen, wie Charolais, Limousin und Angus, die in der Mutterkuhhaltung reinrassig oder in Kreuzungen Verbreitung finden.
Die Zucht auf Milchleistung führte auch im Kreis Olpe zu einer erheblichen Leistungssteigerung der Milchkühe. Wenn man bedenkt, dass der mittlere Milchertrag einer Kuh im 19. Jahrhundert auf 1200-1250 Liter pro Jahr geschätzt wird und 1938 in Deutschland 2419 Liter betrug, bekommt die in der nachfolgenden Tabelle gezeigte Leistungsentwicklung den entsprechenden Stellenwert:
Entwicklung der Milchleistung
in den Mittelgebirgskreisen im Vergleich
- kg je Kuh und Jahr -

Verschiedene Bemühungen zeichnen auch im Kreis Olpe für diese Entwicklung verantwortlich. Neben den schon erwähnten Aktivitäten des Landwirtschaftlichen und Gewerbevereins und der Landwirtschaftlichen Winterschule, die durch ihre nachfolgenden Institutionen Landwirtschaftlicher Kreisverband und Landwirtschaftsschule und Wirtschaftsberatungsstelle bzw. heute Kreisstelle der Landwirtschaftskammer fortgesetzt wurden, ist hier auch die Tätigkeit des heutigen Vereins zur Förderung der Tierzucht im Kreis Olpe zu nennen.

Siegersammlung Kreistierschau 1972: Josef Platte, Niederhelden
Dieser Verein, der wahrscheinlich 1934 als "Gemeinschaft zur Förderung der Landestierzucht im Kreis Olpe" gegründet wurde und 1939 in "Verein zur Förderung der Hochzucht des rotbunten Niederungsviehes im Kreis Olpe" umbenannt wurde, bot in der Folgezeit eine wichtige Ergänzung der Beratungsarbeit der Landwirtschaftsschule und Wirtschaftsberatungsstelle. Geschäftsführer des Vereins war stets der Direktor dieser Schule. Während durch die Beratungstätigkeit der Schule eine ständige Intensivierung der Landwirtschaft durch Steigerung der Erträge und verbesserte Grünlandbewirtschaftung erreicht wurde, hatte sich der Verein dem Zweck der Beschaffung erstklassiger Vatertiere verschrieben, um dadurch auf schnellem Wege die Nachzuchtleistungen zu heben und so den Zuchtfortschritt zu beschleunigen. Erfolge stellten sich bald ein und in den 50er und 60er Jahren galt der Kreis Olpe als Hochburg der Bullenzucht.
Mit zu diesem Zuchtfortschritt haben sicherlich auch die Kreistierschauen beigetragen. Die erste wurde 1842 vom damaligen Landwirtschaftlichen und Gewerbeverein durchgeführt. In der Folgezeit fanden sie an verschiedenen Orten im Kreis und in unterschiedlichen Abständen statt. Ab 1954 wurde ein 2-jähriger Turnus gewählt, wobei bis auf eine Ausnahme (Elspe 1962) Olpe alleiniger Austragungsort war. Von 1966 an fand die Kreistierschau dann alle 3 Jahre statt. Der Austragungsort wechselte 1972 nach Helden, wo die Schau bis 1993 durchgeführt wurde. Insbesondere die fehlende Resonanz bei der Bevölkerung am Schauort Helden veranlasste den Verein zur Förderung der Tierzucht, der die Ausrichtung seit 1984 vom Landwirtschaftlichen Kreisverband übernommen hatte, wieder in die Kreisstadt Olpe zurück zu kehren. 1996 fand die Kreistierschau im Rahmen der Ausstellung "Olper Land" auf dem Ausstellungsgelände "In der Trift" statt. Die Unterbringung der Ausstellungstiere in Hallen und ein Schauring mit überdachter Tribüne vermittelten ein Tierschauflair, wie man es nur von großen überregionalen Verbandsschauen kennt. Leider führte der wirtschaftliche Misserfolg der Gesamtveranstaltung dazu, dass sich dieses Ereignis nicht wiederholte. Vielmehr kehrte man 1999 an die alte traditionelle Stätte der Kreistierschau zurück, auf den Olper Schützenplatz, den altehrwürdigen Ümmerich. Die Schau fand im Rahmen des erstmals durchgeführten "Tages der Olper Landwirtschaft" statt und war in dieser Form ein voller Erfolg, denn ca. 4000 Menschen interessierten sich an diesem Tag für die in wunderschönem Ambiente präsentierten Tiere der Spitzenklasse, den Bauernmarkt und sonstige Aktivitäten.

Reservesiegersammlung Kreistierschau1990: Josef Pulte, Helden
Für die Züchter hat eine Kreistierschau eine besondere Bedeutung. Hier kann ein echter Leistungsvergleich gezogen werden, der dem einzelnen Züchter Auskunft darüber gibt, wo er mit seinen Tieren züchterisch steht. An diesem Leistungsvergleich kann er seine weitere züchterische Arbeit ausrichten und so die Grundlage für einen guten Betriebserfolg legen. Entsprechend waren auf den Schauen auch immer die wirtschaftlich dominierenden Rassen zahlenmäßig am stärksten vertreten. Nachdem sie das Rotvieh völlig verdrängt hatten, waren das natürlich über viele Jahre die Rotbunten. Bis 1990 waren Schwarzbunte überhaupt nicht auf Olper Kreistierschauen bei der Prämierung vertreten. Erstmals 1993 wurden 12 schwarzbunte Holsteins in 2 Klassen gerichtet. Im Jahre 1996 waren immerhin schon knapp ein Drittel der prämierten Kühe schwarzbunt und 1999 wurden gleichviel rotbunte und schwarzbunte Kühe sogar zusammen im Ring gerichtet. Heute haben die Schwarzbunten die Mehrheit, da sie sich auch in den Ställen der Olper Züchter wegen ihrer Überlegenheit in der Milchleistung durchgesetzt haben.

Siegersammlung Kreistierschau 1999: Georg Geuecke, St. Claas
Bei der heutigen Entwicklung in der Landwirtschaft und der Tierhaltung muss man sich allerdings die Frage stellen, wie lange solche Schauen in dieser Form auf Kreisebene noch möglich sind. Wie die nachfolgende Tabelle zeigt, ist der Strukturwandel in der Rindviehhaltung erheblich:
Entwicklung der Rindviehbestände im Kreis Olpe

Durchschnittlich geben bisher gut 2% der Betriebe im Kreis Olpe pro Jahr die Landwirtschaft auf. Immer mehr Betriebe gehen in den Nebenerwerb und wechseln von der Milchviehhaltung zu einer anderen Form der Grünlandnutzung, z.B. der Mutterkuhhaltung. Im Jahr 2001 betrug die Zahl der Milchviehhalter im Kreis Olpe laut Landesstatistik noch 152 mit insgesamt 5200 Milchkühen (Ø 34 pro Betrieb). Aufgrund einer weiteren Leistungssteigerung durch biologischen und technischen Fortschritt in der Milchviehhaltung sowie verbesserte Fütterung wird es bei gleichbleibender Fläche und Quote zu einer weiteren Reduzierung der Milchviehbestände kommen, wobei sich die Tiere in immer weniger Betrieben konzentrieren werden. Daneben bietet sich insbesondere für Nebenerwerbsbetriebe als arbeitsextensivere und ökonomisch zweitbeste Form der Grünlandnutzung die Mutterkuhhaltung an. Vielleicht dominieren eines Tages auf den dann hoffentlich noch stattfindenden Kreistierschauen die spezialisierten Fleischrinderrassen neben Pferden und Kleintieren.