Der Melkroboter: Ein „Buch mit sieben Siegeln“?

Melkroboter

Das Melken mit einem Melkroboter umfasst keineswegs nur die Umstellung eines Melksystems, sondern erfordert eine besondere Art des Kuhmanagements. Das Kürzel AMS steht daher nicht nur für automatisches Melksystem, sondern man könnte es auch als anderes Managementsystem interpretieren. Das Melkrobotersystem erfordert ein hohes Maß an Fachkenntnis und Erfahrungen insbesondere in den Bereichen Fütterung, Tiergesundheit und Arbeitsorganisation. Der Melkroboter liefert hierfür eine Vielzahl verschiedener Parameter, die den Landwirten wesentliche Hilfestellungen bieten. Die Kunst des Robotermelkens liegt nun darin, die Fülle der Informationen in wichtig und weniger wichtig zu trennen, zeitnah zu interpretieren, schnell zu reagieren und dabei das Einzeltier nicht aus den Augen zu verlieren.

Ist das AMS ausgelastet?

Mit Hilfe des automatischen Melksystems lassen sich gute Melkleistungen erzielen.

Einige wichtige Kennzahlen spiegeln die Funktionsfähigkeit und Auslastung des AMS wieder:

  • Mindestens durchschnittlich > 2,5 Melkungen je Kuh und Tag
  • 170 Melkungen je Box je Tag
  • Je Melkung sollten 10 kg Milch ermolken werden
  • Nicht mehr als 5 Misslingungen (unvollständige Melkvorgänge) pro Tag, das heisst < 0,1 Misslingungen pro Kuh und Tag
  • Verweigerungen (d. h. Kühe, die noch kein Melkanrecht haben und die Box besuchen) von 1,0 sind erwünscht. Verweigerungen sind Indiz für die Aktivität einer Herde; (d. h. 50 % von allen Melkungen als Verweigerungen sind akzeptabel.)
  • Roboterbox sollte pro Tag mindestens 10 – 15 % freie Zeit aufweisen (Melkzeit für rangniedere Tiere, z. B. Färsen)
  • Nachtreiben von Tieren < 5 %

Ergebnisse aus der Praxis zeigen, dass sich die Milchgüteparameter Zellgehalt und Keimzahl mit der Umstellung auf ein automatisches Melksystem häufig verschlechtern. Die Gründe und Ursachen hierfür sind keinesfalls alleine bei der Technik zu suchen, sondern im gesamten Umfeld und Management des AMS.

Hilfestellungen hierzu sollen folgende Empfehlungen des Milcherzeugerberatungsdienstes, des Eutergesundheitsdienstes und der Fütterungsberatung der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen geben.

Fehler im Kühl- und Spülsystem

Erhöhte Keimzahlen in automatischen Melksystemen resultieren häufig aus Fehlern im Kühl- und Spülsystem des Milchlagertanks.

Während der Spülprozess am Melkroboter vom Computersystem überwacht wird und mögliche Mängel, wie eine zu niedrige Spültemperatur oder eine zu geringe Reinigungskonzentration, über das Alarmsystem an den Landwirt weitergeleitet werden, sind Mängel der Reinigung und Kühlung des Milchlagertanks, insbesondere bei älteren Modellen, schwieriger aufzudecken.

Stufenproben geben Einblick

Um die Keimquellen in einem automatischen Melksystem eingrenzen zu können, empfiehlt sich die Entnahme von sog. Stufenproben. An verschiedenen Stellen des Melksystems bis hin zum Milchkühltank werden Milchproben zur Keimzahlbestimmung entnommen.

Klassische Entnahmestellen am Melkroboter sind die Endeinheit / Milchsammelgefäß des Melkroboters (z. B. Anschluss für Probenentnahme Milchkontrolle), sowie vor dem Tankeinlauf am Ende der Druckleitung. Zwei weitere Proben zu Füllbeginn und vor dem unmittelbaren Milchabtanken geben Auskunft über die Keimentwicklung während des Kühlprozesses.

Aufgrund der Tatsache, dass bei automatischen Melksystemen rund um die Uhr kleine Mengen gekühlt werden müssen, sind vorhandene alte Kühlsysteme für eine Zeitphase nach dem Spülen des Milchtanks auf eine sog. Intervallkühlung umzustellen, das heisst für einige Stunden erfolgt die Kühlung wiederholt nur in kurzen Intervallen, um ein Anfrieren der ersten Gemelke zu vermeiden.

Die Umstellung auf den kontinuierlichen Kühlprozess ist bei den herkömmlichen Kühltanks zeitgesteuert. Die richtigen und passenden Einstellungen je nach Anzahl an Melkungen und Milchmengen stellen eine besondere Herausforderung dar. So kann es vorkommen, dass es zu Füllbeginn zu einer verzögerten und unzureichenden Abkühlung der Milch kommt und sich Keime auf diesem Wege schnell vermehren können.

Temperaturverläufe im Kühltank prüfen

Als weitere Ursache für erhöhte Keimzahlwerte ist ein Temperaturproblem des Reinigungswassers im Hauptspülgang zu nennen. Mit der Umstellung des Melksystems ist häufig festzustellen, dass die Heißwassermenge, die oftmals aus der vorhandenen Wärmerückgewinnung geliefert wird, nicht mehr ausreicht. Vielfach wird auch für das AMS mehr warmes als wie bisher in konventionellen Melksystemen kaltes Wasser genutzt. Damit kann die Spülanlage des Milchtanks der Forderung, über 10 bis 15 Minuten bei Temperaturen von > 40° C den Tank mit einer Reinigungs- und Desinfektionslösung ohne Zusatzheizung zu reinigen und insbesondere zu desinfizieren, oft nicht mehr gerecht werden. Die Folgen sind dann steigende Keimzahlen. Der Milcherzeugerberatungsdienst kann mit Hilfe eines "Temperaturloggers" die Temperaturverläufe während des Spül- und Kühlvorganges aufzeichnen. Dazu wird der Temperaturlogger in einem Edelstahlkäfig im Milchtank für 2 Tage abgelegt. Mit Hilfe eines Computerprogrammes können die Daten ausgewertet werden.

Eine weitere Ursache für erhöhte Keimzahlen kann bei Anlagen auftreten, die größere Pausen zwischen den Melkungen aufweisen. Dies tritt auf bei Weidegang und in Betrieben, die aufgrund geringer Kuhzahl die Melkkapazität eines AMS nicht voll auslasten. In diesen Fällen kann es vorkommen, dass Milch, die sich in der Druckleitung vom AMS zum Milchtank befindet, längere Zeit ungekühlt steht und auf diese Weise die Keimzahlen ansteigen. Mit zunehmender Länge der Druckleitung verschärft sich das Problem. Eine Rohrkühlung vom Melkroboter zum Milchkühltank kann hier Abhilfe schaffen.

Wenn die Zellzahlen aus dem Ruder laufen

Die Zellzahlen in der Tankmilch werden durch eine Vielzahl verschiedener Faktoren bestimmt. Einfluss nehmen neben der Melktechnik, die geregelten Melkzeiten, der Gesundheitsstatus der Kühe, die Futterrationsgestaltung sowie die Liegeboxengestaltung und Pflege.

In der Umstellungsphase kann sich auch die neue Melktechnik negativ auf die Zellzahlen auswirken. Insbesondere, wenn im vorherigen konventionellen Melksystem ohne automatische Abnahme mit mehr oder weniger langen Nachmelkzeiten und -techniken gearbeitet wurde. Mit der Umstellung auf die automatische Abnahme sollte in diesen Fällen im Anfang auf eine nicht zu schnelle Melkbecherabnahme geachtet werden. Diese kann über den sogenannten Schwellenwert und die Verzögerungszeit der Abnahmeautomatik des AMS gesteuert werden.

Zwischmelkzeiten sind das A und O

Eine weitere Veränderung für die Tiere sind die sich neu einzustellenden Zwischenmelkzeiten der Kühe; sowohl zum Zeitpunkt des Einmelkens als auch im weiteren Verlauf der Laktation. Es dauert oftmals Tage, bis die Kühe mehr oder weniger gleichmäßige Zwischenmelkzeiten zeigen. Vorgegeben werden diese über die Vergabe von Melkanrechten, die der Landwirt tierindividuell festlegt. Wird die maximale Zwischenmelkzeit überschritten, gilt es, diese Tiere nachzutreiben.

An dieser Stelle sind das Feingefühl, die Tierkenntnis und das geschulte Auge des Landwirts gefragt. Bei einem zu frühen und regelmäßigen Nachtreiben gewöhnen sich die Tiere an diesen Ablauf. Tiere, die in dieser Zeit freiwillig das System aufsuchen wollen, werden “vergrämt“. Auf diese Weise variieren trotz der richtigen Vergabe von Melkanrechten und des angemessenen Nachtreibens die Zwischenmelkzeiten der Tiere um Stunden. Eine plötzlich verlängerte Zwischenmelkzeit von einigen Stunden kann sich negativ auf die Eutergesundheit und damit Zellzahlen auswirken. Zwischenmelkzeiten von über 14 h sollten in jedem Falle vermieden werden.

Zur Kontrolle werden in der Regel die durchschnittlichen Melkungen je Kuh und Tag als Maß für die Funktionsfähigkeit des automatischen Melkens herangezogen. Melkungen von 2,7 bis 3 je Kuh und Tag verbergen dennoch unregelmäßige Zwischenmelkzeiten einzelner Kühe, insbesondere von Tieren zum Ende einer Laktation.

Daher ist es wichtig, auch die Milchleistung je Melkung im Auge zu behalten; je Melkung sollten zwischen 8 bis 12 kg Milch ermolken werden. Anhand dieser Kenngröße sollten auch die Melkanrechte vergeben werden. Neuzugängen und insbesondere Rindern sollten in der Lernphase mehr Melkanrechte am Tag zugeteilt werden, so dass erste freiwillige Besuche nicht sofort wieder abgewehrt werden. Damit das Nachtreiben von Färsen für die Tiere nicht zur Gewohnheit wird, sollten diese Tiere in unregelmäßigen Zeitabständen zum Roboter herangeführt werden. Bei Kühen zum Laktationsende ist häufig zu beobachten, dass diese zunehmend in unregelmäßigen Zeitabständen den Roboter aufsuchen. Die Tiere nehmen an Körpergewicht zu; ihr Kraftfutterbedarf wird sehr leicht über den Futtertrog abgedeckt, und der Anreiz die Roboterbox aufzusuchen, lässt deutlich nach. Bei einer täglichen Milchleistung von 15 kg und weniger werden die Zwischenmelkzeiten unregelmäßiger, mit der Gefahr einer Euterentzündung. Bei diesen Tieren ist eine unter Umständen vorzeitige Trockenstellung sinnvoll, da die Gefahr für erhöhte Zellzahlen und der Zeitaufwand für das Nachtreiben höher ist, als der Nutzen hieraus. Vor allem bei ausgeschöpfter Kapazität der Roboteranlage liefert das Trockenstellen solcher Kühe den Färsen mehr Freiraum und weniger Stress.

An dieser Stelle wird die Forderung einer möglichst niedrigen Zwischenkalbezeit in Melkroboteranlagen umso deutlicher.

Eutergesundheit im Blick haben

Bei automatischen Melksystemen entfällt die visuelle Kontrolle der Milch durch das menschliche Auge. Diese Überwachung wird durch technische Einrichtungen wie viertelbezogene Leitfähigkeits- und Milchmengenmessungen, Blut- und Farbsensoren ersetzt. Zusätzlich bieten einige Fabrikate viertel- oder gesamtgemelkbezogene Zellzahlwerte.

Diese Kontrollparameter und deren Abweichungen zu den Messungen aus vorausgegangenen Melkungen sollte der Landwirt über die Auswertungssoftware zweimal täglich abfragen. Das schnelle Erkennen einer Euter- oder auch Stoffwechselerkrankung ist damit abhängig von der richtigen und geregelten Interpretation verschiedener Daten der Anwendersoftware. Durch eine graphische Darstellung der Leitwerte einzelner Viertel sowie über die Veränderung der Milchmengen beispielsweise sind Euterfunktionsstörungen leichter zu erkennen. Mit Hilfe des elektrischen Leitwertes lassen sich aktuelle Veränderungen bzw. Störungen eines Einzeltieres erkennen.

Steigt der Leitwert eines Viertels plötzlich um mehr als 20 % an, deutet dies auf eine Euterentzündung hin. Die Höhe des Leitwertes alleine ist jedoch nicht immer maßgebend. Werte von 6 bis 7 mS/cm können durchaus noch mit niedrigen Zellzahlen verbunden sein. Entscheidend sind die veränderten Werte vom „Normalzustand“.

Insbesondere bei chronischen Euterproblemen kann der elektrische Leitwert der Milch alleine nicht immer weiterhelfen. Bei anhaltend erhöhten Zellzahlwerten ergeben sich in der Regel gleichbleibende Leitwerte auf unterschiedlichem Niveau. Diese Tiere fallen im „Alltagsgeschehen“ nicht mehr auf, da diese auf keiner Warnliste aufgeführt werden. Aus diesem Grunde kann auf eine monatliche Zellzahlkontrolle im Rahmen der Milchleistungsprüfung nicht verzichtet werden. Nicht selten kommt es vor, dass Tiere im Robotersystem unauffällig sind, aber bereits über Monate erhöhte Zellzahlen in der Milchkontrolle aufweisen. Zellzahlwerte der Einzeltiere über einen längeren Zeitraum sind daher unverzichtbar, um an der richtigen Stelle den Hebel anzusetzen.

Erregerstatus der Herde kenne

Für die Lösung von Zellzahlproblemen muss in Zusammenarbeit mit dem Hoftierarzt oder dem Eutergesundheitsdienst der Landwirtschaftskammer NRW eine Sanierung der Herde in Angriff genommen werden. Hierzu ist es unumgänglich, die Milch von Kühen mit einer akuten Euterentzündung bzw. chronisch kranken Tieren bakteriologisch untersuchen zu lassen.

Aus den Ergebnissen der bakteriologischen Untersuchung, den Zellzahlwerten und dem Leitfähigkeitsverlauf der Milch sind Sanierungs- und Behandlungsmaßnahmen zu entwickeln und umzusetzen.

Dabei sind auch tierindividuelle Faktoren wie Stoffwechselsituation, Laktationsstadium, Vorerkrankungen und Zitzenkondition zu beachten. Außerdem muss dass Besuchsverhalten der Kühe sowie die Kraftfutteraufnahme am Melkroboter berücksichtigt werden.

Je nach Erregerspektrum ist zwischen umweltbedingten Mastitiden und euterassoziierten Erregern zu unterscheiden.

Treten ausschließlich Probleme mit Umwelt assoziierten Mastitiserregern wie Streptococcus uberis, koagulase negative Staphylokken (KNS) und E.coli/coliforme Keime auf, steht die Verbesserung der Umwelt- und Haltungsbedingungen im Vordergrund.

Neben fütterungsbedingten Fehlern ( Pansenazidosen, Ketosen, Futterqualität, etc.) sind Mängel in der Boxenhygiene eine weitere Ursache. Unabhängig vom Liegeboxensystem sollten die Boxen mind. zweimal täglich gereinigt werden. Die Oberfläche im Liegebereich des Euters sollte stets sauber und trocken sein.

In Melkroboteranlagen ist die Boxenpflege nicht immer einfach, da diese über 24 h kontinuierlich belegt sind. Eine günstige Gelegenheit der Boxenpflege sind die Zeiten nach frischer Futtervorlage.

Eine intensive Boxenpflege in Roboteranlagen ist umso wichtiger, da die automatische Vorreinigung bei stark verschmutzten Zitzen nur unzureichend Ergebnisse liefert und eine Handreinigung nicht ersetzen kann. Schlechte Boxenhygiene erhöht das Infektionsrisiko indirekt über eine Übertragung über das Zitzengummi und direkt über den geöffneten Strichkanal beim Niederlegen in eine verunreinigte Box unmittelbar nach dem Melken.

Kuh assoziierte Mastitiserreger (Staphylococcus aureus, Streptococcus agalactiae, Streptococcus dysgalactiae) werden insbesondere während des Melkens über die Milch übertragen. Die Sanierung kann nur in Zusammenarbeit mit dem Hoftierarzt erfolgen. Kernelement hierbei ist die Verhinderung von Neuinfektionen. Zur Reduzierung der Erregerübertragung sind die Zwischendesinfektion der Zitzengummis mit Peressigsäurelösung oder durch Heißdampf die wichtigsten Maßnahmen. Die Praxis zeigt, dass die Funktionsfähigkeit der Zwischendesinfektion regelmäßig zu prüfen ist. Teststreifen zur Bestimmung der Peressigsäurekonzentration sowie die Entnahme von Tupferproben zur Überprüfung des Hygienestatus der Zitzengummis leisten hier wertvolle Hilfen.

Da der Strichkanal nach dem Melken noch bis zu einer Stunde geöffnet ist und die Kühe beim freien Kuhverkehr die Möglichkeit haben sich unmittelbar nach dem Melken hinzulegen, ist das Einsprühen der Zitzen nach dem Melken mit einem Zitzendesinfektionsmittel sehr wichtig. Auch hier kann die automatisierte Sprühanlage ein Handsprühen/-dippen nicht vollkommen ersetzen, deshalb ist auf eine regelmäßige Kontrolle der Funktionstüchtigkeit der Sprühanlage zu achten.

Richtig füttern beim automatischen Melken

Die Inbetriebnahme eines automatischen Melksystems beeinflusst auch die Fütterung und hier insbesondere die Versorgung mit Milchleistungsfutter. In herkömmlichen Melksystemen sind die Funktionsbereiche Futteraufnahme, Laufen und Liegen sowie Milchabgabe räumlich voneinander getrennt, so dass jeder Bereich für sich entsprechend der jeweiligen Anforderungen optimiert werden kann. Beim automatischen Melken müssen die Funktionsbereiche Kraftfutteraufnahme und Milchabgabe zeitgleich in der Melkbox vollzogen werden, ohne hierbei die Anforderungen an ein Euter schonendes Melken und an ein leistungs- und wiederkäuergerechtes Füttern zu missachten.

Angestrebt wird eine mittlere Melkfrequenz von 2,7 und mehr Melkungen pro Tier und Tag. Die Melkfrequenz ist jedoch abhängig von der Milchmenge, dem mittleren Minutengemelk und nicht zuletzt vom Laktationsstand. Bei hohen Milchmengen sollen die Kühe in der ersten Laktationshälfte zwischen 3 und 5 Mal täglich gemolken werden. Gegen Ende der Laktation sinkt die Melkfrequenz auf zwei und auch weniger Melkungen je Tier und Tag. Die Bereitschaft der Kuh zum Aufsuchen der Melkbox wird hierbei in erster Linie von dem Kraftfutterangebot während des Melkens gesteuert. Die Milchabgabe und damit einhergehend die Verringerung des Euterinnendrucks ist erst eine sekundäre Motivation für den Stationsbesuch. Hieraus folgt, dass die Melkfrequenz vor allem über die Kraftfuttergabe gesteuert werden kann. Dabei ergeben sich zwei Gefahrenpunkte, die in Betrieben mit automatischen Melksystemen immer wieder beobachtet werden:

  • Um hohe Milchmengen und Melkfrequenzen gerade bei frischmelken Kühen zu realisieren, werden hohe Kraftfuttermengen je Besuch bzw. je Tag zugeteilt, die eine subklinische Pansenübersäuerung bewirken können. Jedoch führt eine Pansenazidose immer zu sehr trägen Kühen mit geringer Laufbereitschaft, so dass die hohen Kraftfuttergaben genau das Gegenteil von dem bewirken, was ursprünglich angestrebt wurde.
  • Altmelkende Kühe mit geringen Milchmengen bekommen in der Melkbox fortwährend Kraftfutter als Lockfuttergabe, um die Melkfrequenz nicht zu sehr abfallen zu lassen. Es besteht die Gefahr eines "Luxuskonsums" mit Nährstoffüberversorgung und übermäßiger Verfettung im letzten Laktationsdrittel, woraus ein erhöhtes Risiko für Acetonämien in der Folgelaktation entsteht. Die Lockfuttergaben führen zudem zu einer unwirtschaftlichen Erhöhung des Kraftfutteraufwandes.

Neben der Melkfrequenz und der Kraftfuttermenge ist die Energiedichte der aufgewerteten Grobfutterration eine weitere Steuerungsgröße für den erfolgreichen Betrieb eines automatischen Melksystems. In Abhängigkeit der Anzahl der Futtergruppen sind differenzierte Empfehlungen zu berücksichtigen.

Eine Mischration für alle laktierenden Kühe bei einer oder mehreren Melkboxen

Hier lautet die Empfehlung, die vorgelegte Mischration so zu gestalten, dass aus ihr die durchschnittliche Herdenleistung abzüglich einer Milchmenge von 4 – 8 kg erzeugt werden kann. Bei einer mittleren Herdenleistung von beispielsweise 29 kg Milch müsste die Mischration auf ein Leistungsniveau zwischen 21 und 25 kg Milch ausgerichtet werden. Die Größe der Spanne zeugt von Unsicherheit bzw. von der Schwierigkeit im richtigen Umgang mit der Rationsgestaltung beim automatischen Melken. Bei einer hohen Milchmenge aus der vorgelegten Mischration besteht für die Kuh wegen der fehlenden Kraftfuttergaben in der Melkbox wenig Anreiz zum Stationsbesuch. Die geringen Kraftfuttergaben im Melkautomat reduzieren die Gefahr von Acidosen, was vor allem für frischmelkende Kühe mit höherer Milchmenge von Vorteil ist. Eine hohe Energiedichte in der Mischration führt hingegen zu einer energetischen Überversorgung der Altmelker mit den oben bereits beschriebenen Folgen. Die Lockfuttergaben im automatischen Melksystem müssen deshalb für diese Tiere möglichst gering sein. Im Riswicker AMS werden Altmelkern nur 0,5 kg Milchleistungsfutter je Stationsbesuch zugebilligt, womit gute Erfahrungen gemacht wurden.

Eine weitere Möglichkeit zur Reduktion der Konzentratgaben in der Mischration kann darin bestehen, ein Teil des Ausgleichsfutters über die Melkbox zu verabreichen. In diesem Fall kann unter Umständen auf eine Lockfuttergabe vollständig verzichtet werden. Wird eine deutlich niedrigere Milchmenge aus der Mischration erfüttert, lassen sich Altmelker gezielter versorgen bei gleichzeitig hohem Anreiz zum Stationsbesuch. Für die hochleistenden Tiere bedeutet dies jedoch eine hohe Aufnahme an Kraftfutter in der Melkbox mit der Folge von Acidosegefahr, deren Auswirkungen insgesamt zu reduzierter Futteraufnahme auch aus der Mischration führen. Je Stationsbesuch sollten deshalb maximal 2,0 – 2,5 kg Kraftfutter verabreicht werden, so dass bei Frischmelkern maximal etwa 7 bis 10 kg Milchleistungsfutter pro Tag gegeben werden

 Über die Auswahl der Kraftfutterkomponenten im Hinblick auf Abbaurate und Abbaugeschwindigkeit im Pansen kann ebenfalls das Acidosegeschehen beeinflusst werden. Gerade bei hohen Kraftfuttergaben sind Komponenten mit reduziertem und verlangsamtem Pansenabbau zu empfehlen. Deutlich wird, dass eine Gradwanderung beschritten wird, bei der betriebsindividuelle Lösungen gefunden werden müssen. Hierbei sind die Kontrollpunkte Anzahl Melkungen, Aufnahme der Mischration sowie Kraftfutteraufwand und Kraftfutterzusammensetzung im Zusammenspiel zu optimieren.

Systeme mit mehreren Melkboxen bei Bildung von Futtergruppen bei den laktierenden Kühen

Werden in einem Betrieb mehrere Melkboxen installiert, sollte gleichzeitig die Bildung von verschiedenen Futtergruppen eingeplant werden. Hierbei bietet sich die Bildung einer Hoch- und einer Niederleistungsgruppe an. Zu beachten ist, dass je nach Milchmenge unterschiedliche Kuhzahlen je Melkbox gemolken werden können. Bei einem guten Management lassen sich je Automat täglich 150 bis 180 Melkungen mit einer Tagesmilchmenge von 1 500 bis 1 800 kg erzielen. Werden die unterschiedlichen Melkfrequenzen der Frisch- und Altmelker berücksichtigt können etwa 55 frischmelkende Tiere je Automat versorgt werden. Wenn die Futtergruppe nur aus Altmelkern besteht, sind 75 Kühe je Melkbox zulässig. Stallbaukonzepte müssen diese unterschiedlichen Tierzahlen an den Melkboxen berücksichtigen. Die Mischration für die Frischmelker wird auf ein Leistungsniveau von 28 bis 30 kg Milch ausgerichtet. Bei maximal 7,5 kg Kraftfutter je Tier und Tag lassen sich rechnerisch etwa 42 bis 45 kg Milch aus der Gesamtfutteraufnahme erzeugen. Bei mehr als 30 kg Milchbildungsvermögen aus der Mischration leidet die Attraktivität des Automaten, wodurch die Melkfrequenz sinkt.

Die Mischration für die niedrigleistende Futtergruppe ist auf eine Milchmenge von 18 bis 20 kg auszurichten, da ansonsten der Unterschied zur Hochleistungsgruppe zu groß ausfällt. Bei maximal etwa 6 kg MLF je Tier und Tag lässt sich eine Milchmenge von 30 kg erzeugen. Bei dieser Milchmenge könnten die Tiere von der Frischmelker- in die Altmelkergruppe gegeben werden. Das Einstellen der Mischration auf nur etwa 18 bis 20 kg bewirkt keine Überversorgung und keine Verfettungsgefahr bei den Altmelkern. Durch den gezielten Kraftfuttereinsatz kann zudem das Kraftfutterkonto entlastet werden.

Unabhängig von der Anzahl der Futtergruppen sollte die Möglichkeit bestehen, jede Melkbox mit zwei verschiedenen Futtersorten zu beschicken, wodurch sich verschiedene Futterkombinationen ergeben. Beim Kraftfutter ist pelletiertes Futter wegen der geringeren Verschmutzung der Melkbox und der höheren Fressgeschwindigkeit gegenüber der Mehlform zu bevorzugen. Auch die Schmackhaftigkeit des Futters kann Einfluss auf die Melkfrequenz nehmen. Getreidereiche Mischungen werden immer gut aufgenommen, können aber wegen des höheren Stärkegehaltes vermehrt acidotisch wirken. Auch deshalb sind die Vorgaben bezüglich der Kraftfuttermengen unbedingt einzuhalten. Nicht abgerufene Kraftfuttermengen sollten wegen des steigenden Acidoserisikos nicht auf den Folgetag übertragen werden. Zwischen den verschiedenen Kraftfutterlieferungen sollen keine krassen Umstellungen in den Komponenten erfolgen, da dies die vorübergehende Akzeptanz des Futters beeinflusst und darüber Einfluss auf die Melkfrequenz genommen wird.

Gerade bei diesem Futter- und Melksystem sind die allgemeinen Grundsätze der Rationsgestaltung zu beachten. Dies bedeutet insbesondere

  • Grobfutterqualität optimieren
  • hohe Futteraufnahme realisieren
  • Struktur der Ration in Ordnung halten
  • Kohlenhydratversorgung beachten
  • Futterkontrolling intensivieren

Die Erfahrungen aus der Beratung haben gezeigt, dass die Probleme mit automatischen Melksystemen sehr vielfältig sein können, die nur mit Kenntnis betriebsspezifischer Faktoren zu lösen sind. Hierzu steht Ihnen das Beratungsteam der Landwirtschaftskammer NRW gerne zur Verfügung.